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Dr. Diether Kramer
Steiermärkisches Landesmuseum Joanneum
Referat ur- & frügeschichtliche Sammlung
Mein Interesse für die Gegend von Pürgg-Stainach, d.h. des alten Grauscharn, wurde bereits vor zwanzig Jahren geweckt.
Damals hatte ich Gelegenheit bei der Bergung karolingisch-ottonischer Reihengräber in Stainach mitzuwirken. Seither habe ich alle mir zugänglichen, die Vor- und Frühgeschichte betreffenden Nachrichten über dieses Gebiet gesammelt. Intensiver habe ich mich mit Pürgg-Trautenfels seit nunmehr drei Jahren auf Anregung des deutschen Mittelalterarchäologen W. Janson befaßt. Die Region Grauscharn dürfte auf Grund der bisher gemachten Funde eine Schlüsselzone für die Erforschung der karolingisch-ottonischen Landnahme in der Obersteiermark sein. Aber schon in der Vorgeschichte haben die sich hier kreuzenden, von der Natur vorgegebenen Verkehrslinien eine Rolle gespielt. Leider ist der Forschungsstand im Bezirk Liezen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, denkbar schlecht. Die Gründe dafür sind mannigfaltig. Deshalb wird die folgende Abhandlung vielfach skizzenhaften Charakter haben, die diesen Forschungsstand wiederspiegelt. Ausführlicher soll nur das neuentdeckte, karolingisch-ottonische Reihengräberfeld von Unterburg behandelt werden.
Die ältesten Spuren des Menschen aus diesem Gebiet stammen aus dem Lieglloch bei Tauplitz am Fuße der Bergwand des Krahsteins. Die Höhle hat als saisonale Jagdstation für die Eiszeitmenschen eine Rolle gespielt. Eine Zuordnung der Funde zu einer bestimmten altsteinzeitlichen Kultur ist schwierig, können aber grob als rund 50 000 Jahre alt bezeichnet werden. Die Schichten, aus denen sie stammen, gehören der letzten Eiszeit an. Ein weiterer altsteinzeitlicher Fundort, allerdings weiter entfernt, ist die Salzofenhöhle im Toten Gebirge. Die Interpretation eines Befundes aus dieser Höhle als Hinweis auf einen Bärenkult ist bis heute umstritten und hat meiner Meinung nach wenig Wahrscheinlichkeitsgehalt. Mittelsteinzeitliche Funde, d.h. aus der Zeit etwa zwischen dem 8. und 4. vorchristlichen Jahrtausend, gibt es bislang aus der Obersteiermark überhaupt nicht.
In der nachfolgenden Jungsteinzeit, die als Ergebnis des allmählichen Überganges von der bisher üblichen aneignenden Wirtschaftsweise der Jäger- und Sammlerkulturen zur produzierenden, bäuerlichen Lebensweise zu verstehen ist, und in der sich die bäuerliche Wirtschaft voll entwickelt hat, war die Obersteiermark dichter besiedelt. Darauf weisen eine große Zahl von Einzelfunden , in erster Linie Steinbeile, hin. Die jungsteinzeitliche Besiedlung läßt sich in Pürgg durch zwei Einzelfunde belegen. Es handelt sich dabei um ein geschliffenes und durchbohrtes Hammerbeil und das Fragment eines solchen. Beide Stücke sind ins 3. vorchristliche Jahrtausend zu datieren und stellen die bisher ältesten Zeugnisse menchlichen Lebens in Pürgg selbst dar.
Am Ende der Jungsteinzeit lernt der Mensch Kupfer für einfache Geräte und Schmuck zu verwenden. In diesen Zeitraum, etwa vom 24. bis 18. vorchristlichen Jahrhundert, oder in die folgende Frühbronzezeit, konkreter ins 17. Jahrhundert v. Chr.. dürfte ein kleines Flachbeil aus Kupfer oder Bronze vom Assachberg gehören. Bis zum vergangenen Jahr der einzige Beleg für diesen Zeitraum im Ennstal. Indessen ist am Burgstall westlich von Pürgg ein Steinbeilchen aufgetaucht, das ich für endjungsteinzeitlich halte.
Über die folgenden Jahrhunderte bis zum Beginn der Urnenfelderzeit, an der Wende des 2. zum 1. Jahrtausend v. Chr., gibt uns bislang kein Fund im gesamten Bezirk Liezen Auskunft.
An den Beginn der Urnenfelderzeit ist der überregional bedeutende Grabfund und die dazugehörige Siedlung von Wörschach zu datieren. Das Fundmaterial weist Bezüge zum süddeutschen Raum auf. Möglicherweise hat damals der Kupferbergbau im Gesäuse eingesetzt. Wahrscheinlich wurden auch die im ganzen Gebiet auftretenden Salzquellen genutzt. Eine in Pürgg gefundene Kugelknopfnadel und ein Armring aus Trautenfels, beide aus Bronze, dürften urnenfelderzeitlich sein. Leider sind beide Stücke in privaten Hände gelangt und ebenso wie das oben erwähnte Flachbeil vom Assachberg heute verschollen.
Wohl jedem, der vom Johanneskirchlein ins Ennstal hinunterblickt, wird die beherrschende Lage des allseits frei aus dem Tal aufragenden Inselberges Kulm auffallen. Die Form dieses Berges war für seine Namensgebung zweifellos von entscheidender Bedeutung, wie ein Blick in die einschlägigen Fachwörterbücher zeigt. Von den sechzehn bisher nur oberflächlich untersuchten fast oder ganz freistehenden Bergen dieses Namens in der Steiermark weisen fünf, darunter auch unser Kulm, vorgeschichtliche Besiedlung auf.
Während wir nähmlich die Besiedlung der jüngeren Urnenfelderzeit nur durch zahlreiche Einzelfunde, insbesondere entlang der alten Salzstraße, die ja bei Pürgg ins Ennstal mündet, beweisen können, ist die Besiedlung der Gegend von Pürgg in der älteren Eisenzeit, nach dem namengebenden Fundort Hallstattzeit genannt, besser feststellbar. Alm Kulm ließ sich durch Grabungen eine große, befestigte Höhensiedlung dieser Zeit, deren Wallanlage deutlich erkennbar ist, nachweisen. Mit Interesse ist der von W. Modrijan beabsichtigten Publikation der Funde vom Kulm entgegenzusehen, die die einzigartige Lage dieser Siedlung und ihre Beziehungen zum nahen Hallstatt würdigen wird. Als zweiter ältereisenzeitlicher Fundplatz bleibt noch Wörschach zu erwähnen, wo bei der Ruine Wolkenstein 2 Fibeln gefunden wurden, deren Herkunft weit im Süden liegt. Auch sie weisen überspitzt formuliert auf die Bedeutung der alten "Gastarbeiterroute" hin. Ob die beiden Höhensiedlungen am Kulm bei Bad Mitterndorf bzw. am Kulm bei Admont ( heute Frauenberg) in diese Zeit gehören, muß mangels Grabungen vorerst ungeklärt bleiben.
Entgegen anderslautenden Auffassungen wird in der Steiermark um die Wende vom 4. und 3. vorchristlichen Jahrhundert keltischer Einfluß wirksam. Den Beweis dafür haben Grabungen der Abteilung für Vor- und Frühgeschichte am Landesmuseum Joanneum in den letzten Jahren erbracht. Leider gibt es über jüngereisenzeitliche Funde im Ennstal nur vage Nachrichten, die nicht überprüfbar sind. Als von Pürgg aus gesehen nächster gesicherter steirischer Fundort ist Trieben/St. Lorenzen zu nennen.
Etwas günstiger ist die Forschungslage für die provinzialrömische Zeit. Eine Anzahl von Grabsteinen, die Weiheinschriften von Donnersbach, Münzfunde und Einzelfunde im gesamten politischen Bezirk erlauben uns immerhin eine Vorstellung, die eine Basis für die Forschung bildet, um die Verhältnisse im Ennstal von der Okkupation um das Jahr 16 vor Chr. bis zum Ende der römischen Herrschaft zu klären. Immerhin läßt sich heute schon sagen, daß das Gebiet von Schladming damals zu Iuvavum (Salzburg) gehörte, während das östlich anschließende Gebiet, also auch der Bereich von Pürgg, von Ovilava (Wels) verwaltet wurde. Durch das Ennstal führte eine römische Straße zweiter Ordnung, die die römische Hauptstraße Salzburg - Radstadt - Teurnia (St. Peter im Holz) und die von Aquileia über Virunum (Zollfeld) und Stiriate (Liezen?) nach Ovilava (Wels) führende Hauptstrasse verband. Von dieser Verbindungsstraße zweigt, worauf Funde hinweisen, nach Norden eine Nebenstraße ab, die ebenfalls nach Salzburg führte und sich wie die vorgenannten prähistorischer Wegführungen bediente. Als einziger Fund, der für die Zeit der römischen Herrschaft in Anspruch genommen werden könnte, wird aus Pürgg eine römische Münze gemeldet.
Für die Zeit der Wende vom 4. und 5. Jahrhundert n. Chr. werden die Forschungen W. Modrijans am Schloßbühel von Gröbming neue Erkenntnisse bringen. Über die folgenden dunklen Jahrhunderte, die dem Abzug der römischen Verwaltung und eines Teiles der Bevölkerung folgten, wissen wir de facto nichts. Erst gegen Ende des 8. Jahrhunderts treten wieder datierbare Funde auf, die fast ausschließlich aus Gräberfelder stammen. Für diese und die nachfolgende Zeit sind bisher Krungl und Hohenberg die bedeutendsten Fundorte der Steiermark. Für die Gechichte des Ortes Pürgg unmittelbar von eminenter Bedeutung war die Entdeckung des Gräberfeldes von Unterburg, das in die karolingisch-ottonische Zeit zu datieren ist, wie die bereits genannten Gräberfelder von Krungl und Hohenberg. Mit dieser Entdeckung kommen wir weit vor die erste schriftlich fixierte Nennung von Pürgg zurück.
Es sei mir erlaubt, kurz meinen ersten diesbezüglichen Fundbericht im Wortlaut zu zitieren:
"Dem beispielhaften Verständnis und Entgegenkommen des Grundbesitzers Hans Pötsch, vulgo Pfanner in Unterburg verdanken wir die Entdeckung eines Reihengräberfeldes unterhalb der Pfarrkirche St. Georg zu Pürgg. Hans Pötsch hat, und deswegen sei dies besonders betont, den Bau einer Wasserleitung auf der Parzelle 793 der KG Neuhaus, als er dort auf ein Skelett
stieß, sofort eingestellt und die Abteilung für Vor- und Frühgeschichte des Landesmuseums Joanneum umgehendst verständigt. Glücklicherweise standen just zu diesem Zeitpunkt die bewährten freiwilligen Mitarbeiter des archäologischen Arbeitskreises vom Landschaftsmuseum Trautenfels zur Verfügung, so daß die Grabung im Baubereich in kürzester Zeit durchgeführt werden konnte. Dabei wurden drei Gräber freigelegt und geborgen. Die Toten waren mit der Blickrichtung zur aufgehenden Sonne bestattet. Die Abweichung von der exakten Ost-West Richtung hängt vielleicht von der jeweiligen Jahreszeit bei der Grablegung ab.
Grab 1 enthielt an Beifunden ein Eisenmesser, einen Fingerring aus Bronze und einen tönernen Spinnwirtel. Am Fußende fand sich ein Vogelskelett. Aus Grab 2 stammt ein weiteres eisernes Messer. Auch diesem Bestatteten war am Fußende ein Vogel beigegeben. Grab 3 war beigabenlos. In allen Gräbern waren Holzreste zu beobachten. Im Aushub des Wasserleitungsgrabens konnte schließlich ein Spornfragment und ein Messer gefunden werden, die aus weiteren unbeabsichtigt zerstörten Gräbern stammen. Funde und Befunde stimmen mit jenen von Krungl und Hohenberg überein."
Die grobe zeitliche Zuordnung des Gräberfeldes von Unterburg stieß auf wenig Schwierigkeiten. Zum Vergleich seien im Anhang der Vollständigkeit halber die zeitlichen 25 Fundplätze der Steiermark angeführt. Die Funde gehören in der Regel dem 9. bis 11. und vereinzelt dem letzten Drittel des 8. Jahrhunderts an.
An dieser Stelle muß zunächst vermerkt werden, daß in den Zentren des Reiches die, für die Datierung von Gräbern entscheidende Beigabensitte mit dem beginnenden 8. Jahrhundert zum Erlöschen kam, während sie in den Randzonen, bei denen eben in diesem Zeitraum allmählich eine immer engere Bindung zum Reich einsetzte, üblich war oder wurde. P. Reinecke sagt dazu: "...... die betreffenden Ortschaften hatten damals ihren eigenen Ortsfriedhof außerhalb der Siedlung nach Art der merowingischen Reihengräberfelder lediglich deshalb, weil im Gemeindebereich noch keine Kirche mit zugehöriger Sepultur für Bestattungen nach kirchlichem Brauch vorhanden war." Eine ähnliche Situation wie in der Steiermark ist in der Oberpfalz und in Teilen Frankens zu beobachten. Diese Parallelen wurden in der steirischen Literatur bisher nicht beachtet, da der Blick meist mehr nach dem Süden gerichtet war.
Aus den Vergleichsbeispielen lassen sich für Unterburg folgende Einzelheiten festhalte: Die Lage des Gräberfeldes entspricht der für diese Zeit normal üblichen auf Niederterrassen oder sanft abfallenden Hängen zu Bächen oder Flüssen. Die reihenförmige Anlage der Gräber ist die in dieser Zeit grundsätzliche Anordnung. Die Unterschiede in die Richtung der Grabgrube könnten wie oben erwähnt dem Sonnenstand der jeweiligen Jahreszeit entsprechen, wodurch die Abweichungen von der exakten W - O Richtung erklärbar sind. Mit ziemlicher Sicherheit waren die Gräber obertägig gekennzeichnet, sei es durch einen Pfosten oder eine Steinsetzung um den kleinen Grabhügel. Die Tiefe der Grabgruben war relativ gering und überschreitet kaum einen halben Meter. Dabei bleibt durch die Hanglage eine inzwischen erfolgte allmähliche, natürliche Humusabtragung zu berücksichtigen. Grablänge und Grabbreite entsprechen der Größe der Bestatteten, wobei ein Zugabemaß von ca. 40 cm, wie bereits H. Friesinger für gleichzeitige Gräber in Niederösterreich feststellte, üblich war. Die Grabbreite betrug in Unterburg rund einen Meter. Die Grabböden waren, soweit es das anstehende Schottermaterial zuließ, eingeebnet. Die in den Gräbern von Unterburg beobachteten Holzreste sind leider nicht einwandfrei zu interpretieren. Es könnte sich sowohl um Reste einer Ausplankung der Grabgrube, als auch um Sargspuren handeln. Die Bestatteten waren in gestreckter Rückenlage, wobei die Arme an den Körper angelegt waren, beigesetzt. Als Beigabe im eigentlichen Sinne sind die Vogelskelette bei Grab 1 und Grab 2 zu deuten. Bei Grab 2 konnte noch ein weiterer Tierknochen beobachtet werden. Neben diesen "Speisebeigaben" ist noch der Spinnwirtel aus Grab 2 zu erwähnen. Alle anderen Beifunde sind als Trachtzubehör zu klassifizieren, hierzu gehören der Bandfingerring, die Griffzungenmesser, die ursprünglich einen Holzgriff hatten, und der Sporn. Zwei der Bestattungen sind weiblich und eine als männlich zu bezeichnen. Der im Aushub gefundene Sporn weist auf ein weiteres Männergrab hin.
Die ethnische Deutung karolingisch-ottonischer Gräber stellt seit Jahrzehnten ein heißes Eisen dar, dem ich jedoch im Fall Unterburg nicht aus dem Weg gehen möchte.
Ich bin mir durchaus bewußt, damit im Gegensatz zur offiziellen slowenischen und teils auch österreichischen Forschungsmeinung zu stehen. Konkret denke ich in letzterem Fall an die Aufsätze von V. Tovornik und H. Pertlwieser in den Jahrbüchern des Oberösterreichischen Musealvereins, deren Ansätze zur ethnischen Deutung von Gräbern des 9. und 10. Jahrhunderts in Oberösterreich methodische Fehler aufweisen. Zu diesem Problem bemerkt P. Reinecke schon 1927: "Von slawischen Funden und Bodendenkmalen dürfen wir in Deutschland nur da sprechen, wo einwandfrei der Nachweis erbracht werden kann, daß einstens unabhängiger slawischer Boden und eine Zeitstellung in Fragen kommt, die in die Periode unabhängigen Slawentums fällt. Dies trifft..... für Nordostbayern jedoch nicht zu. Die fraglichen Gräberfelder gehören also ebenso gut Slawen ...... wie Deutschen an." Diese Auffassung P. Reineckes halte ich auch für die Interpretation der steirischen Funde für verbindlich. Welche Aussagemöglichkeiten bietet nun das archäologische Materail unter Berücksichtigung der historischen Nachrichten für die Geschichte von Pürgg? Nach E. Klebel muß ein Vorstoß der Bajuwaren gegen die Slawen im Ennstal um etwa 720-730 angesetzt werden. Er sagt: " Die slawischen Ortsnamen im Ennstal erscheinen in der deutschen Entlehnform in jüngerem Gepräge als in Niederösterreich, in älterem als in dem um 750 unterworfenen, 772 endgültig eingegliederten Karantanien. Außerdem zeigten die verspäteten Verfassungszustände, daß das Ennstal nicht mehr zu Karantanien, sondern zu Bayern gerechnet wurde, also vor 750 bajuwarisch geworden sein muß."
Diese Formulierung des Historikers E. Klebel über die für die Datierung der oberösterreichischen Gräberfelder wichtigen Daten stehen archäologisch zwei Chronologieschemata für die zeitliche Einordnung dieser Gräberfelder gegenüber. Hierzu bemerkt J. Giesler: " Hier ergibt sich nun zwischen den Datierungsvorschlägen (nämlich der ostalpinen Gräberfelder) K. Dinklages für die deutschprachige Forschung und P. Korosec für die slowenische Forschung eine Diskrepanz von rund zweihundert Jahren."
Diese unterschiedliche Auffassung ist wiederum auf das Problem der ethnischen Deutung der Gräber zurückzuführen. Während K. Dinklage ihren "frühdeutschen" Charakter betont, versucht P. Korosec ihren altslowenischen Charakter herauszustellen. Andere Forscher sind diesem Problem insofern aus dem Wege gegangen, indem sie die fraglichen Gräberfelder schlicht als karantanisch bezeichneten - respektive das Fundmaterial der nach einem Fundort in Niederösterreich benannten Köttlacher Kultur zuwiesen.
Angesichts der hier erörterten Kriterien sei es mir gestattet, ehe ich zur abschließenden Beurteilung des Gräberfeldes von Unterburg komme, kurz die dafür relevanten historisch überlieferten Daten zu beprechen.
Um das Jahr 568 gaben die Langobarden die von ihnen besetzten Gebiete Pannoniens auf und wandten sich nach Oberitalien. In den nun freigewordenen Raum stießen aus dem Osten kommend Awaren und Slawen vor. Nach dem Fall der oströmischen Feste Sirmium (bei Belgrad) 582 waren die Voraussetzungen für die allmähliche Einwanderung slawischer Gruppen in die Gebiete der Steiermark und Kärntens gegeben. Wenig später wird bereits von ersten Zusammenstößen zwischen Slawen und Bajuwaren berichtet. Bis um 750 gibt es dann kaum schriftliche Quellen. In diese Zeit fällt die Annäherung Karantaniens, zu dem unsere heutige Steiermark weitgehend gehört, an Bayern. Die Gründe dafür waren durch die awarische Gefahr gegeben. Diese Annäherung verstärkt den Einfluß des Christentums und brachte eine immer stärkere Abhängigkeit von Bayern mit sich. 772 wird Karantanien nach Niederwerfung eines Aufstandes endgültig bayrisch. Nach Absetzung des Bayernherzogs Tassilo des III. 788 waren die Herzöge Karantaniens nicht mehr dem bayrischen Herzog unterstellt, sondern direkt den fränkischen Königsboten im Ostland. Von einem ernstzunehmenden Wiederstand gegen die neuen Herren ist bislang nichts bekannt geworden. In einer Urkunde Karls des Großen vom 14. Juni 811 wird die Drau bereits als Grenze bezeichnet. Seit 828 lösen zunehmend deutsche Grafen die bisherigen slawischen Führer ab. 859/60 wird die Grafschaft im Ennstal durch Graf Witagowo verwaltet, dessen Familie mutmaßlich aus dem Trierer Raum stammt. Witagowo erhielt zu diesem Zeitpunkt königlichen Besitz im Ennstal. Wenige Jahre zuvor war der Präfekt des Ostlandes, Ratpot, abgesetzt und von Ludwig dem Deutschen durch Karlmann ersetzt worden, der nach der einen Meinung den Auftrag zur Verhufung des Ostlandes hatte, nach der anderen den Landesausbau der Ortsgebiete vorantreiben sollte, da der Reichsteil Ludwig des Deutschen zu wenig Reichsgut umfaßte. Mit den ersten Einfällen der Ungarn in unseren Gebieten ist ab dem Jahre 889 zu rechnen. In den Jahren bis zur Lechfeldschlacht 955 kam es zu schweren Kämpfen mit wechselndem Erfolg. Nach der entgültigen Niederlage der Ungarn und politische Änderungen in Bayern erfolgte eine Auflösung Karantaniens und seiner steirischen Anteile in kleinere Einheiten.
Folge ich dem, was ich den schriftlichen Quellen zu entnehmen glaube, ist spätestens seit der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts im Ennstal mit der Einwanderung bajuwarischer Gruppen zu rechnen. Eine verstärkte Siedlungstätigkeit aus dem Reich ist die Folge königlicher Schenkungen seit 831 und besonders seit 860. Umfassend wird sie in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts. Daneben besteht eine slawische Bevölkerungsschicht gleichberechtigt fort. Viele Slawen nehmen jedoch deutsche Namen an. Nach dem Jahr 1000 ist eine nennenswerte slawische Volksgruppe im Ennstal nicht mehr nachzuweisen. Die zahlenmäßig immer stärker werdende deutsche Bevölkerung ist offensichtlich mit der zahlenmäßig geringeren slawischen zu einer neuen Einheit zusammengewachsen.
Dies bedeutet für das Gräberfeld von Unterburg und die Geschichte der Pürgg folgendes:
Die Siedlung Grauscharn, 1160 als "castrum" erstmals urkundlich erwähnt, hat den Funden nach zu schließen, bereits im 9. Jahrhundert bestanden. Es ist möglich, daß es im Bereich der Siedlung mehrere Bestattungsplätze gegeben hat. Das Ende der Belegung der Gräberfelder von Unterburg ist mit der Einrichtung der Eigenpfarre des Landesfürsten in Pürgg anzunehmen. Sie dürfte, wie die Funde im Gräberfeld zeigen, um das Jahr 1000 gegründet worden sein; von da ab war für die Bevölkerung die Bestattung im Friedhof der Pfarrkirche verbindlich. Für eine Bevölkerung, die, wie ich nach den Quellen meine, zum größeren Teil bajuwarisch, zum kleineren Teil slawisch war.
Ich möchte meinen bescheidenen Beitrag zu dieser Festschrift nicht schließen, ohne meinen Freunden und Mitarbeitern, die dabei mitgeholfen haben, zu danken und gleichzeitig den Leser zu bitten, im gegebenen Fall dem Beispiel von Hans Pötsch vulgo Pfanner zu folgen, dessen Verständnis und Interesse für die Landesgeschichte Ursache für diese Zeilen gewesen sind. Einem Verständnis und Interesse, auf das die Landesarchäologie angewiesen ist, wenn sie ihrem Auftrag, den schon ihr Begründer Erzherzog Johann postuliert hat, gerecht werden will.
Dieser Artikel wurde von Dr. Diether Kramer für die Festschrift "DIE PÜRGG" anläßlich der Jubiläen
850 Jahre Pfarrkirche St. Georg auf der Pürgg und
100 Jahre Musikkapelle Pürgg im Jahre 1980 verfasst.